Die Kitzinger - Interview mit Christa Le Blond und ihrem Ehemann Normand
Ausgabe der Kitzinger Tageszeitung, erschienen am Freitag dem 23.April 2010
Selbstheilung mit Block und Bleistift
69-Jährige veröffentlicht Debüt-Roman und verarbeitet darin Missbrauchserlebnisse
Lange Haare, jugendliche Figur, große Augen: Die attraktive Christa Le Blond wirkt auf den ersten Blick fast zerbrechlich. Wer sich länger mit der 69-Jährigen unterhält, merkt aber: Hinter ihrer zarten Gestalt verbirgt sich ein starker Wille. Vor kurzem hat sie ihren Debüt-Roman „Seele Klara“ veröffentlicht, in dem sie eine aufwühlende Lebensgeschichte beschreibt und auf diese Weise auch verarbeitet.
Eine Selbstheilungs-Therapie mit Block und Bleistift geht das? Im Gespräch mit der Kitzinger erinnert sich die Autorin an prägende Kindheitserlebnisse. Als ältestes Kind von vier Geschwistern litt sie besonders unter dem gewalttätigen Freund ihrer Mutter. Jahrzehntelang sprach sie nicht über ihre Erlebnisse. Doch ihr Mann Normand LeBlond und ihre beiden Söhne haben ihr Mut gemacht, sich zu öffnen und ihre Geschichte zu erzählen: „Mit meinem Buch will ich allen Mut machen, die Ähnliches erlebt haben. Und ich will allen Erwachsenen sagen: Nehmt Eure Kinder ernst!“
Die Kitzinger: Frau LeBlond, Sie sind 1941 geboren und haben 2010 Ihren ersten Roman veröffentlicht, mit 69 Jahren. Wie kommt das?
Christa LeBlond: Viele Jahre lang quälten mich immer wieder die Erlebnisse aus meiner Kinder- und Jugendzeit. Ab Mitte/ Ende 40 kamen die Ängste, die Wut und die Zweifel von damals immer häufiger in mir hoch, ich litt zeitweise unter Depressionen. Jahrzehntelang hegte ich Groll gegen meine Mutter, weil sie nicht verhindert hatte, was sie hätte verhindern können. Irgendwann kam aus meiner Familie der Vorschlag: Schreib doch mal auf, was du erlebt hast. Das habe ich getan und daraus wurde mein Buch.
Die Kitzinger: Wie viel von Ihnen steckt in der kleinen Roman-Heldin Klara?
Christa LeBlond: Dass der Roman in Ich-Form geschrieben ist, ist kein Zufall. Klara das bin ich. Beim Schreiben habe ich alle Situationen nochmal durchlebt, alles kam wieder hoch, das war sehr intensiv.
Normand LeBlond: Als ich abends heimkam, haben wir uns bei einem Grappa zusammengesetzt und sie las mir vor, was sie während des Tages geschrieben hatte. Wir haben zusammen gelacht und zusammen geweint.
Die Kitzinger: Wussten Sie zu diesem Zeitpunkt schon, dass Sie Ihr Werk veröffentlichen werden?
Christa LeBlond: Nein, anfangs ging es nur darum, mein Leben aufzuarbeiten, für mich selbst. Insgesamt habe ich zwei Jahre an dem Buch geschrieben, mit einer siebenmonatigen Pause dazwischen. Im Dezember 2008 war ich fertig. Einer unserer beiden Söhne war der erste, der meine Aufzeichnungen lesen durfte, vorher hatte ich sie sehr geheim gehalten. Er fand sie sehr spannend er hatte von vielem ja gar keine Ahnung. Und er riet mir: Mach´ daraus ein Buch.
Die Kitzinger: In „Seele Klara“ geht es unter anderem um einen Franz, der Klara durch seine Brutalität in eine Traumwelt treibt und ihr großes körperliches und seelisches Leid zufügt. Wie real ist dieser Franz?
Christa LeBlond: Er ist vollkommen real. Ob er noch lebt, weiß ich allerdings nicht.
Mein Vater war nicht aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurückgekommen, so sehr ich das auch hoffte. Ich habe ihn das letzte Mal gesehen, als ich dreieinhalb Jahre alt war. Stattdessen zog der Franz bei uns ein. Franz war nicht nur mein Peiniger, sondern tat auch meiner Mutter weh, er kommandierte alle herum, schlug uns, wie es ihm passte, und quälte uns auf vielfältige Weise. Ich hasste ihn. Aber meine Mutter verzieh ihm immer wieder. Einmal schlug er mir beide Augen blau, brach mir die Nase und meine Mutter schickte ihn weg. Aber nach drei Tagen kam er wieder. Meine Mutter sah einfach weg, selbst dann, als er mir Schlimmeres antat. Erst als ich längst erwachsen war und sie mit den Tatsachen konfrontierte, sagte sie: „Ich habe mir so was gedacht.“ Dagegen getan hat sie aber nichts, zu keiner Zeit.
„Meine Mutter sah einfach weg, selbst als er mir Schlimmeres antat.“
(Christa LeBlond)
Die Kitzinger: Inwieweit hat der Roman Ihnen geholfen, die Geschehnisse in Ihrer Jugend zu verarbeiten?
Christa LeBlond: Das monatelange Schreiben hat mir für vieles die Augen geöffnet. Als Kind habe ich meine Mutter vergöttert. Es war mir immer wichtig, dass sie stolz auf mich ist. Aber oft hatte ich das Gefühl, meine beiden süßen kleinen Schwestern und mein kleiner Nachzügler-Bruder zählten mehr. Meine Mutter war einerseits eine tolle Mutter sie hat uns oft Geschichten erzählt, wir durften unsere Schulfreundinnen mit nach Hause nehmen , aber sie war auch sehr schwach und abhängig von den Männern. Durch das Schreiben ist mir das ganz bewusst geworden und das hat den Schmerz gelindert. Lange Zeit hatte ich auch Schuldgefühle, weil ich Franz und seinen Nachfolger, einen Trinker, hasste und schlimme Gedanken gegen sie hegte. Heute weiß ich, dass ich keine Schuld daran trug. Heute ist es mir nicht mehr wichtig, dass andere stolz auf mich sind. Ich bin es selbst.
Die Kitzinger: Wie würden Sie die zentrale Botschaft Ihrer Geschichte beschreiben?
Christa LeBlond: Ganz wichtig ist mir die Botschaft: Leute, nehmt Eure Kinder ernst! Oft unterhalten sich Erwachsene vor den Kindern so, als wären die Kleinen taub. Aber Kinder sind sehr intelligent. Manche Gespräche, die ich als Kind gehört habe, habe ich nie vergessen, auch wenn ich den Inhalt erst später ganz begriffen habe. Deshalb appelliere ich an alle Erwachsenen: Sagt nicht Sätze wie „Jetzt übertreib´ nicht“ oder „Mach nicht so ein Theater wegen nichts“ zu Euren Kindern, sondern nehmt sie ernst, respektiert sie und vor allem glaubt ihnen!
Die Kitzinger: Ist LeBlond Ihr Künstlername?
Christa LeBlond: Nein, das ist der Name meines Mannes, den ich nach der Heirat angenommen habe. Mein Mann, der aus den USA stammt, hat jedoch französische Vorfahren, daher der Name.
Die Kitzinger: Neben der Anerkennung als Autorin: Hat der Roman Ihnen auch finanziell etwas gebracht?
Christa LeBlond: Nein aber was nicht ist, kann ja noch werden (lacht). Im Ernst: Es ging und geht mir nicht um finanziellen Profit. Es war ja auch gar nicht leicht, einen Verleger zu finden. Letztendlich haben wir uns zunächst ein professionelles Lektorat gesucht: Andrea Stangl aus Paderborn hat diese Aufgabe ganz wunderbar ausgefüllt. Nachdem ich manche Episode im Buch gestrafft hatte und einiges Grammatikalisches verbessert hatte, haben wir uns entschieden, das Buch über BOD herauszubringen Books on Demand. Das heißt, es werden nur so viele Bücher gedruckt, wie bestellt werden. Allerdings kann man das Werk nicht nur im Internet kaufen, sondern auch bei vielen Buchhandlungen besehen, etwa in Kitzingen bei der Liebauschen Buchhandlung.
Die Kitzinger: Richtig witzig fand ich die Romanstelle, an der Sie beschreiben, wie Ihre katholischen Freunde vom Beichten kamen: „Wenn meine Freunde dann aus der Kirche kommen, so ganz ohne Sünde, dann bin ich ganz ehrfürchtig. Da stehen sie nun neben mir, frei von allen Sünden, und meine sind alle noch da.“ Welchen Bezug haben Sie heute zur Religion?
Christa LeBlond: Gute Frage ich bin wohl Heidin (lacht). Nein, also ich glaube an die Energie um mich herum, auch wenn diese nicht fassbar ist. Ich spüre, dass da etwas Größeres ist, etwas, das unsere Vorstellungskraft sprengt. Als evangelisch erzogenes Kind war ich im damaligen Sinne sehr „gläubig“, ich wollte unbedingt in den Himmel kommen. Heute muss ich ehrlich sagen, dass der ganze Prunk und Pomp der Institution Kirche mich aufregt und anwidert. Wie viel Gutes könnte man mit all dem Gold tun, das die Kirche hortet!
Die Kitzinger: Was hat es mit dem Buchtitel „Seele Klara“ auf sich?
Christa LeBlond: Zunächst wollte ich das Buch anders nennen, aber mein Sohn und meine Lektorin fanden „Seele Klara“ einfach besser. Letztlich haben sie mich überzeugt. Ich bin sicher: Wenn man das Buch gelesen hat, versteht man den Titel.
Zur Person
Christa LeBlond, geboren 1941, besuchte die Höhere Schule, arbeitete danach in einem Würzburger Textilgeschäft und heuerte „weil ich mein Englisch verbessern wollte“ am Flugplatz Giebelstadt an. Dort lernte sie Normand LeBlond kennen. Der Amerikaner mit französischen Wurzeln war Manager im Offiziersclub, Christa wurde seine Sekretärin. Die beiden verliebten sich ineinander und heirateten. Zehn Jahre lang lebten sie in den USA, ehe sie mit ihren Söhnen wieder nach Deutschland kamen. Mittlerweile hat das Paar vier Enkelkinder.

„Glauben Sie Ihren Kindern und nehmen Sie sie ernst.“ Dies ist die Botschaft von Christa LeBlonds Debüt-Roman „Seele Klara“, in dem die 69-Jährige schlimme Kindheits- und Jugenderlebnisse verarbeitet. Ihr Mann Normand LeBlond ist stolz auf sie. Foto: Fuchs