Leseprobe 5 - Auszug aus dem Roman Seele Klara. 15.Kapitel, Seite 239

     Ein paar Wochen später, an einem Sonntag, fragt mich die Bauer, so heißt die
faule Nachbarin, ob ich nachmittags und abends auf die Kinder aufpassen könne.
Ich sage zu, ich habe sowieso keine Lust, den besoffenen Olaf zu sehen. Mittags
gehe ich rüber. Sie sagt mir, dass das Essen in der Küche sei, dann verlässt sie mit
ihrem Mann die Wohnung. Ich muss erst die Fenster öffnen, sonst halte ich es
nicht aus, und begrüße die kleine Schar. Wir spielen ein Weilchen, dann hat einer
Hunger, dann noch einer.
     »Ich auch«, bettelt der Nächste. Ich gehe in die Küche und schaue mich nach
dem Essen um, kann aber nichts entdecken.
     »Wo hat denn deine Mama das Essen versteckt?«, frage ich Gabi, die Älteste.
     »Da liegt’s doch«, sagt sie und deutet auf den Küchentisch.
     »Wo?«, frage ich verwirrt. »Da liegt doch nur die Tüte.«
     »Ja, das ist unser Essen«, versichert mir Gabi. Ich mache die Tüte auf und
schaue ungläubig hinein.
     »Aber das sind doch nur trockene Kissinger oder Schnecken, wie immer die
auch heißen. Das ist doch kein Essen. Außerdem sind die von gestern. Die schmecken
ja gar nicht mehr.«
     »Wir essen meistens Kissinger. Mama kauft uns jeden Tag eine Tüte voll.«
     »Macht eure Mama euch denn kein Brot mit Wurst und Käse?«
     »Nein, nur manchmal«
Ärger steigt in mir hoch, als ich den Kindern die Schnecken reiche. Ohne zu
meutern, verschlingen sie die trockenen Dinger. Auch die Kleinen sitzen ganz
zufrieden in ihren Bettchen und knabbern. Ich kehre die Krümel zusammen und
nehme die Kleinen aus den Bettchen. Einer zwängt sich jetzt auf meinen Schoß.
Ich spüre etwas Nasses.
     »Wo sind denn eure Windeln?«, frage ich Gabi. Sie saust davon. »Gabi, bring
noch eine, da ist noch einer nass«, schreie ich ihr hinterher. »Wo werden die denn
gewickelt?«, frage ich. Gabi deutet auf den Boden. »Holst du mir was zum Drunterlegen?«
     »Was denn?«, fragt sie.
     »Na, etwas, worauf ich sie wickeln kann.«
     »Hab ich dir doch gezeigt«, motzt sie und deutet noch mal auf den Boden. Die
beiden Kleinen legen sich folgsam auf den Boden. Ich ziehe einem die Hose runter
und dann die nasse Windel. Ein ätzender Geruch steigt mir in die Nase, dann
kommen mir die Tränen. Ich glaube es nicht, was ich da sehe, mir wird schlecht.